Primark – Ein echter Shitstorm?

Echter Hilferuf aus einer Primark-Näherei?

Schon wieder ist die irische Billigmodekette Primark wegen der Arbeitsbedingungen für die Näherinnen bei der Herstellung ihrer Kleider in die Kritik geraten. Ein Kleid für unter 10 Euro? Diese Kritik scheint angesichts dieser Preise berechtigt zu sein. Dennoch sieht das Auftauchen von eingenähten SOS-Botschaften für mich nach einer gezielten Kampagne aus, um einen Shitstorm loszutreten. Skandal oder Fake? – Spurensuche.

Warum sind die Preise bei Primark so extrem niedrig?
Unter anderem, weil sie keine Werbung machen und dadurch anders kalkulieren können als H&M, C&A, Mango und wie sie alle heißen. Die Perversion des niedrigen Preises tritt dadurch einfach nur stärker in Erscheinung als in den Preisen der Konkurrenz, die für Werbung und höhere Gewinnmargen noch „normalere“ Preise aufrufen. Aber warum stehen nicht alle Unternehmen in der Kritik? Seit Jahren lassen auch sie in den Sweat-Shops von Bangladesch produzieren. Und was ist mit Esprit, Bonprix, Hollister etc.? Lassen die von europäischen Nähern mit Mindestlohn nähen?

Eingenähte Hilferufe zeitnah aufgetaucht
Drei Etiketten mit anonymen Botschaften sind in den vergangenen Tagen aufgetaucht. Das Kleid mit dem eingenähten „forced to work exhausting hours“ („Gezwungen bis zur Erschöpfung zu arbeiten“) von Primark-Kundin Rebecca Gallagher, eine andere Käuferin berichtet über den Spruch „Degrading Sweatshop Conditions“ („Entwürdigende Bedingungen eines ausbeuterischen Betriebs“) in ihrem Kleid. Das dritte Zettelchen soll eine in asiatischen Schriftzeichen verfasste Klage einer Arbeitskraft sein. Demnach müssten die Arbeitskräfte schuften „wie Ochsen“. Das Essen, das sie bekommen, sei selbst für Tiere ungenießbar. Darüber sei in lateinischer Schrift die Worte „SOS! SOS! SOS!“ zu lesen. Die Nachricht soll in den Gefangenenausweis eines chinesischen Gefängnisses eingelegt gewesen sein. Die Hose, in der die Primark-Kundin die Botschaft angeblich gefunden hat, soll sie schon seit Juni 2011 besitzen, bisher aber noch nie getragen haben.

Englische Sprache auf den Waschzetteln
Beispielsweise in Bangladesch, wo Primark unter anderem produziert, herrscht eine Analphabeten-Quote von etwa 55 Prozent, darüber hinaus sind schätzungsweise 70 Prozent aller Frauen Analphabetinnen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass eine Näherin dort englische Wörter einsticken könnte. Ob es nun tatsächlich betroffene Arbeiterinnen waren, die die Botschaften verbreitet haben, oder jemand aus dem Westen, der eine Debatte über die Arbeitsbedingungen anstoßen wollten – der Plan ging auf. Internationale Medienberichte, Shitstorm im Social Web und Boykott-Aufrufe sind die Folge. Gleichzeitig wird bereits die Agentur gelobt, die hinter einer möglichen Guerilla-Kampagne stehen könnte.

Wer genau hinter den aufgetauchten Hilferufen in Waschanleitungen bei Primark steckt, ist derzeit nicht auszumachen. Ob tatsächlich betroffene Näherinnen dahinter stecken oder doch Personen in Großbritannien, die eine Diskussion über die Arbeitsbedingungen von Billig-Modeketten anstoßen wollten – der Skandal ist da. Und was bleibt, sind Boykott-Aufrufe, ein Medien-Echo aus der ganzen Welt und ein Shitstorm im Social Web. Primark ist in aller Munde, ohne einen Cent für Marketingmaßnahmen ausgegeben zu haben.